docs: add standalone Methodik-Papier v0.1.0 for AG vorlage

METHODIK.md distils the methodological core of MACHBARKEITS-
STUDIE.md §3 + §6 into a Beirats-ready, PDF-able document that
stands on its own without Ch∆In implementation context.

Structure follows the eight non-negotiable methodological
decisions in the Studie:

  1. Pflicht, nicht Gesetz, ist die Bewertungseinheit
  2. 6-Schichten-Architektur (S1 Korpus, S2 Norm-Graph,
     S3 Pflicht-Extraktion, S4 Bewertung, S5 Roll-up &
     Attribution, S6 Heatmap-Output)
  3. typisierter Norm-Graph mit Coupette-2021-Kanten-Schema
  4. hybride Pflicht-Extraktion (regex + LLM, Cohen's κ ≥ 0,7)
  5. Shapley-artige Attribution entlang Ketten
  6. 4-Tier-Evidenz-Modell mit Regel-der-niedrigsten-Stufe
  7. LLMs sind Mörtel, nicht Datenstein (RAG + Zitat-Pflicht)
  8. Engpass-Variable h motiviert Verbands-Vorlauf

Includes Vorbilder-Tabelle (Coupette, QuantGov, NKR, REFIT,
RPC, ATR, Akoma Ntoso, LegalRuleML, ELI, Hohfeldian) und die
methodische Selbstbeschränkungs-Liste.

Versionierung: jede Methodik-Version markiert Altbewertungen
re-bewerten — historischer Wert bleibt, fließt aber nicht in
den aktuellen Heatmap-Stand ein, bis re-bewertet.

Lizenz: Apache-2.0 (gleiche wie Repo).
Signed-off-by: flemming-it <sf@flemming.it>
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flemming-it 2026-06-18 11:39:29 +02:00
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301
METHODIK.md Normal file
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@ -0,0 +1,301 @@
# Methodik-Papier — Pflicht-basierte Wirkungsanalyse von Rechtsnormen
> Standalone-Auszug aus der Machbarkeitsstudie F∆I Law-Heatmap,
> destilliert für AG-Vorlage und Beirats-Konsultation.
>
> Version v0.1.0 · 2026-06 · Diskussionsgrundlage, AG-intern.
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## 1 Zusammenfassung
Wir bauen ein System zur methodisch belastbaren, quellenverifizier­
baren Bewertung des Nutzens und Schadens von Rechtsnormen. **Ein­
zelne Pflichten**, nicht „Gesetze", sind die Bewertungseinheit.
Jede Bewertung trägt eine **Evidenzstufe** (T1T4), eingebettet in
einen **typisierten Norm-Graph**, und durchläuft vor jeder Aus­
gabe eine **juristische Letztverantwortungs-Freigabe**.
Das Papier beschreibt die Methodik unabhängig von der konkreten
Implementierung und ist auf etablierten Verfahren (Standard­
kostenmodell, EU Better Regulation Toolbox, Akoma Ntoso,
LegalRuleML, QuantGov / RegData, Coupette 2021) aufgebaut.
Wir erfinden nichts neu, was die methodische Standardliteratur
schon abdeckt — wir kombinieren bekannte Verfahren so, dass das
Ergebnis politisch wie wissenschaftlich verteidigbar ist.
## 2 Was wir nicht tun
Wir bewerten **nicht** „Gesetze" als ganze.
„Bewerte das BImSchG" ist eine unbeantwortbare Frage, weil ein
Gesetz aus Dutzenden bis Hunderten heterogener Pflichten besteht,
deren Adressaten, Frequenzen, Sanktionen und Nutzen-Wirkungen
nichts miteinander zu tun haben müssen. Eine pauschale Schaden-
oder Nutzen-Zahl pro Gesetz ist methodisch leer.
„Bewerte die Anzeigepflicht aus §4 BImSchG, die §10 i.V.m. der
4. BImSchV präzisiert wird, die ihrerseits Anhang I der EU-IED
2010/75 umsetzt" — *das* ist eine beantwortbare Frage, weil die
Pflicht atomar ist und ihre Herkunft im Norm-Graph sichtbar
bleibt.
Daraus folgt: ein 6-Schichten-System, nicht ein „Bewertungs-Modul".
## 3 Die 6-Schichten-Methodik
| Schicht | Was sie liefert | Vorbild |
|:------|:--------|:-----|
| **S1** | Norm-Korpus, versioniert, in Akoma Ntoso-XML | OASIS LegalDocML |
| **S2** | typisierter Norm-Graph (`transposes`, `cites`, `concretizes`, …) | Coupette 2021 |
| **S3** | Pflicht-Extraktion (deontische Modalitäten) | Mercatus QuantGov |
| **S4** | Bewertung *pro Pflicht* (SKM + Nutzen + Frust) | NKR-Methodenleitfaden |
| **S5** | Roll-up & Attribution entlang Graph-Pfaden | Shapley-Verfahren |
| **S6** | Heatmap-Output + Reform-Vorschlag (pro Pflicht) | EU REFIT |
Jede Schicht ist ein eigenständig prüfbarer Schritt. Eine Bewer­
tung in S4 ist ohne Graph-Kontext aus S2 nicht ausstellbar; eine
Reform-Empfehlung aus S6 ist ohne Attribution aus S5 hohl
(Beispiel: die Empfehlung „Streichung der deutschen Norm §X" ist
nutzlos, wenn §X eine EU-Richtlinie umsetzt — der Hebel liegt in
Brüssel).
### 3.1 S1 — Norm-Korpus
- Format intern: **Akoma Ntoso 1.0** (OASIS-Standard, vom EU-Parlament
seit 2016 genutzt). Heterogene Quellen (BMJ-XML,
landesrecht-berlin HTML, EUR-Lex FORMEX) werden normalisiert.
- Kanonische IDs: **ELI** (europäisch), **CELEX** (EU-Dokumente).
- Versionierung: jede Fassung mit Inkrafttreten/Außerkrafttreten
und SHA-256 der Quelldatei. Der Hash erlaubt, jede Bewertung
rückwirkend gegen exakt die Bytes zu prüfen, die die Bewertung
zugrunde lagen.
### 3.2 S2 — Norm-Graph
Knoten sind Norm-Versionen (Gesetze, VO, Paragrafen, Artikel,
Anhänge, EU-Richtlinien, Verwaltungsvorschriften). Kanten sind
typisiert:
| Kanten-Typ | Bedeutung | Beispiel |
|:------|:--------|:-----|
| `transposes` | DE-Recht setzt EU-Recht um | BDSG → DSGVO |
| `implements_via_vo` | Verordnungs-Ermächtigung | §10 BImSchG → 4. BImSchV |
| `concretizes` | VV konkretisiert Gesetz | AVV → BImSchG |
| `amends` | Änderungsgesetz | „Gesetz zur Änderung des …" |
| `cites` | Norm A verweist auf Norm B | „§ X i.V.m. § Y" |
| `delegates_to_land` | Bund → Land | Bauthemen |
| `delegates_to_kommune` | Land → Kommune | Berliner BezVG |
| `superseded_by` | Alte → neue Fassung | Historie |
Vorbild: Coupette / Beckedorf / Hartung / Bommarito / Katz (2021),
*Measuring Law Over Time*. Das ist die einzige veröffentlichte
Graph-Analyse, die das gesamte deutsche Bundesrecht über 20 Jahre
abdeckt.
### 3.3 S3 — Pflicht-Extraktion
Eine Pflicht ist ein Tupel:
```
duty = (
modality, // OBLIGATION | PROHIBITION | PERMISSION
addressee, // wer? (KMU | Bürger | Behörde | Branche)
trigger, // wann/woraus? (Bedingung)
action, // was tun?
frequency, // anlassbezogen | jährlich | monatlich | …
authority, // gegenüber welcher Stelle?
consequence, // Sanktion bei Nichterfüllung
source_norm, // welche Norm-Stelle?
derived_from[] // Graph-Pfad zur Ursprungs-Norm
)
```
Datenmodell folgt **LegalRuleML** (OASIS-Arbeitsgruppe), das auf
**Hohfeldian Analysis** und deontischer Logik aufbaut (~100 Jahre
juristisch-formaler Apparat für „wer schuldet wem was").
Extraktion ist **hybrid**:
1. **Regelbasiert** — reguläre Ausdrücke für deutsche Modalitäts-
Muster (muss / hat zu / ist verpflichtet / darf nicht /
ist untersagt / kann). Veröffentlichte Pattern-Listen aus
Mercatus QuantGov / RegData.
2. **LLM-assistiert** für unklare Fälle. Jede LLM-extrahierte
Pflicht trägt `confidence < 1.0` und wird in S4 zur juristischen
Validierung vorgelegt.
Freigabe-Schwelle: **Cohen's κ ≥ 0,7** zwischen zwei unabhängig
arbeitenden Juristen-Annotatoren.
### 3.4 S4 — Bewertung pro Pflicht
Pro Pflicht drei orthogonale Dimensionen:
**Schaden (Bürokratiekosten):**
```
SKM-€/Jahr = P × F × T × h
P = Fallzahl (Adressaten)
F = Frequenz (pro Jahr)
T = Tarif (€/Stunde)
h = Zeitaufwand (Stunden pro Fall)
```
Standardkostenmodell — Methodik des Nationalen Normenkontrollrats,
in DE / NL / EU / OECD / UK identisch angewandt.
**Nutzen (7-dimensional, 05):**
Schutz · Markt · Rechtssicherheit · EU-Binnenmarkt · Sicherheit ·
Umwelt · Einnahmen.
Jede Dimension wird mit Quellen-Begründung vergeben, niemals
„aus dem Bauch". Inter-Rater-Reliability messen, κ-Schwelle wie S3.
**Frust (qualitatives Komposit, 010):**
Flesch-DE (Amstad-Adaption) + Verweistiefe + Akteurs-Pluralität +
Norm-Volatilität. **Nie als alleinige Bewertung**, immer neben SKM
und Nutzen, immer als T-markiertes Signal.
### 3.5 S5 — Roll-up & Attribution
Pflichten hängen in Ketten: EU-RL → Bundesgesetz → Bundesverord­
nung → Landesrecht → Vollzugs-AVV. Eine SKM-€-Zahl in der unters­
ten Stufe ist **nicht** allein dem dortigen Paragrafen anzulasten —
die Ursache kann oben in der Kette sitzen.
Wir verwenden eine **Shapley-artige Aufteilung** des Bewertungs-
„Anteils" über alle Norm-Stellen im Pfad: die EU-Ursprungs-Richt­
linie bekommt einen Anteil, die nationale Umsetzung einen, die
Verordnung einen, der konkrete Landes-Vollzug einen.
Das verhindert sowohl Doppelzählung („dieselbe Pflicht wird auf
EU- und Landesebene voll angelastet") als auch hohle Reform-Vor­
schläge („streiche §X" — wenn §X eine EU-Pflicht umsetzt, ändert
die Streichung nichts).
### 3.6 S6 — Heatmap + Reform-Vorschlag
Output zweidimensional, niemals ein Single-Score:
- **X-Achse:** Schaden (€/Jahr, log-skaliert)
- **Y-Achse:** Nutzen (05)
- **Punktgröße:** Betroffenheit (Adressaten-Zahl)
- **Farbe / Markierung:** Tier-Niveau der schwächsten Eingangs-
Variable
Reform-Vorschläge nicht pauschal „streichen", sondern typisiert:
| Vorschlag-Typ | Wann sinnvoll |
|:------|:--------|
| **streichen** | Pflicht ohne EU-Bindung, niedrige Nutzen-Streuung |
| **befristen mit Evaluationsklausel** | Sunset-Klausel statt Abschaffung |
| **konsolidieren** | mehrere überlappende Pflichten zusammenführen |
| **vereinfachen** | Pflicht bleibt, Vollzug wird gestrafft |
## 4 4-Tier-Evidenz-Modell
Jede Zahl trägt die Stufe ihres **schwächsten** Bestandteils:
| Tier | Bedeutung | Beispiele |
|:------|:--------|:-----|
| **T1** | amtlich / peer-reviewed | NKR-Datenbank, DESTATIS, ifo, ZEW, BMWK-Monitoring, SVR, IfM Bonn |
| **T2** | Verbands-Erhebung | DIHK Bürokratie-Index, IHK Berlin, ZDH, BDI Mittelstand, BVMW, HDE |
| **T3** | eigene strukturierte Erhebung | KMU-Befragung Phase 2/3 (DSGVO-anonymisiert) |
| **T4** | qualitatives Signal | Petitionsausschuss, openPetition, mein.berlin.de, Foren — nur Pain-Indikator, nie Magnitude |
**Regel der niedrigsten Stufe:** ist *eine* Komponente einer
SKM-Zahl T4 (etwa eine grobe Schätzung von `h`), trägt die ganze
Zahl T4. Das verhindert, dass methodisch schwache Inputs in
einer Komposition als „belastbar" durchgehen.
Politisch wesentlich: die Auswertung weist Tier am Punkt aus, nicht
versteckt im Anhang. Eine T4-markierte Zahl darf in einer AG-Folie
stehen, aber nur als „erstes Signal", nicht als Reform-Begründung.
## 5 LLMs als Mörtel, nicht Datenstein
LLMs sind in dieser Methodik **nicht** Quelle für Zahlen.
Sie sind ausschließlich für drei Aufgaben zugelassen:
1. **Extraktion** aus zitierbaren Quellen (Pflichten aus
Norm-Text, Bezüge aus Stellungnahmen). Output muss die
Norm-Stelle zitieren (RAG-Pflicht), sonst wird die
Behauptung verworfen.
2. **Klassifikation** (z. B. Modalitäts-Vorschlag bei unklarem
Pattern). Juristen-Approval obligatorisch.
3. **Synthese** (Vorschlags-Text-Entwürfe, Folien-Texte). Niemals
ohne menschliche Letzt-Verantwortung.
Technische Begleitregeln: Temperature ≤ 0,1, Modell-Digest im
Audit-Log, gleicher Prompt-Hash → gleiches Modell → reproduzier­
bares Ergebnis. Halluzinations-Test-Suite vor jedem Modell-Update,
pass-rate dokumentiert.
## 6 Methodische Selbstbeschränkungen
Was wir nicht tun, ist genauso wichtig wie was wir tun:
- **Keine pauschalen Verdikte** „Gesetz X ist schädlich"
- **Kein Single-Score-Ranking** als alleinige Output-Form —
immer zweidimensional + Streuung
- **Keine LLM-Endbewertung ohne menschlichen Review** — der
LLM schlägt vor, ein Volljurist + Ökonom validieren
- **Keine ungestützten Schadens-Schätzungen** — jede €/h-Zahl
entweder aus offizieller Quelle oder aus methodisch transparenter
SKM-Rechnung, mit Unsicherheitsangabe
- **Keine personenbezogene Datenanalyse** — Crowd-Belastungs-
Meldungen ausschließlich pseudonym und DSGVO-anonymisiert
## 7 Methodische Vorbilder im Überblick
| Quelle | Beitrag |
|:------|:--------|
| Coupette / Katz / Bommarito (2021) | Graph-Schema deutsches Bundesrecht |
| Bommarito / Katz (2010) | Mathematik quantitativer Rechtsnetz-Analyse |
| Mercatus QuantGov / RegData | NLP-basiertes Zählen regulatorischer Pflichten |
| Nationaler Normenkontrollrat | SKM, Erfüllungsaufwand-Konzept, „One in, one out" |
| EU REFIT + Regulatory Scrutiny Board | „Fitness Checks"-Methodik |
| EU Better Regulation Guidelines + Toolbox | Cost-Benefit, MCDA |
| UK Regulatory Policy Committee | Unabhängige Letzt-Validierung |
| Niederlande ATR | SKM-Erfinder (1990er) |
| Akoma Ntoso 1.0 (OASIS) | XML-Format für Gesetzestexte |
| LegalRuleML (OASIS-AG) | RuleML mit deontischer Logik |
| ELI / CELEX | Kanonische URIs |
| Hohfeldian Analysis | Juristisch-formaler Apparat „wer schuldet wem was" |
## 8 Methodik-Versionierung
Diese Methodik trägt eine Version (v0.1.0). Ändert sich die
Methodik, müssen **alle Altbewertungen** mit „re-bewerten" markiert
werden — die alten Zahlen behalten ihren historischen Wert, fließen
aber nicht in den aktuellen Heatmap-Stand ein, bis sie nach neuer
Methodik überprüft sind.
Jede Methodik-Version benötigt:
1. Schriftliches Methodik-Papier (dieses Dokument).
2. Methodik-Beirats-Sitzung mit dokumentiertem Beschluss.
3. Rechtliche Kurz-Stellungnahme (EU AI Act, DSGVO,
Urheberrecht §5 UrhG).
4. Open-Source-Veröffentlichung der Implementierung unter
Apache 2.0.
## 9 Nächste Schritte (außerhalb dieser Methodik-Sache)
- **Methodik-Beirat** akquirieren (57 Personen, gemischt:
Wirtschaftsrecht, NKR-Background, IT-Recht, KMU-Vertreter,
Verbraucherschutz, Wissenschaft).
- **Korpus-Liste** „erste 5 Normen" beschließen.
- **Rechtliche Stellungnahme** zu EU AI Act / DSGVO / §5 UrhG
einholen.
- **Verbandskooperation** (IHK Berlin, DIHK, ZDH) für die
T3-Erhebungs-Pipeline anstoßen — politisch zeit­
intensiv, deshalb früher Start.
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**Kontakt:** Dr. Stefan Flemming, F∆I (Flemming.AI),
chain@flemming.ai. Repository: `git.flemming.ai/fai/lawheatmap`.
Lizenz: Apache-2.0.