# Methodik-Papier — Pflicht-basierte Wirkungsanalyse von Rechtsnormen > Standalone-Auszug aus der Machbarkeitsstudie Recl∆Im (F∆I), > destilliert für AG-Vorlage und Beirats-Konsultation. > > Version v0.1.0 · 2026-06 · Diskussionsgrundlage, AG-intern. --- ## 1 Zusammenfassung Wir bauen ein System zur methodisch belastbaren, quellenverifizier­ baren Bewertung des Nutzens und Schadens von Rechtsnormen. **Ein­ zelne Pflichten**, nicht „Gesetze", sind die Bewertungseinheit. Jede Bewertung trägt eine **Evidenzstufe** (T1–T4), eingebettet in einen **typisierten Norm-Graph**, und durchläuft vor jeder Aus­ gabe eine **juristische Letztverantwortungs-Freigabe**. Das Papier beschreibt die Methodik unabhängig von der konkreten Implementierung und ist auf etablierten Verfahren (Standard­ kostenmodell, EU Better Regulation Toolbox, Akoma Ntoso, LegalRuleML, QuantGov / RegData, Coupette 2021) aufgebaut. Wir erfinden nichts neu, was die methodische Standardliteratur schon abdeckt — wir kombinieren bekannte Verfahren so, dass das Ergebnis politisch wie wissenschaftlich verteidigbar ist. ## 2 Was wir nicht tun Wir bewerten **nicht** „Gesetze" als ganze. „Bewerte das BImSchG" ist eine unbeantwortbare Frage, weil ein Gesetz aus Dutzenden bis Hunderten heterogener Pflichten besteht, deren Adressaten, Frequenzen, Sanktionen und Nutzen-Wirkungen nichts miteinander zu tun haben müssen. Eine pauschale Schaden- oder Nutzen-Zahl pro Gesetz ist methodisch leer. „Bewerte die Anzeigepflicht aus §4 BImSchG, die §10 i.V.m. der 4. BImSchV präzisiert wird, die ihrerseits Anhang I der EU-IED 2010/75 umsetzt" — *das* ist eine beantwortbare Frage, weil die Pflicht atomar ist und ihre Herkunft im Norm-Graph sichtbar bleibt. Daraus folgt: ein 6-Schichten-System, nicht ein „Bewertungs-Modul". ## 3 Die 6-Schichten-Methodik | Schicht | Was sie liefert | Vorbild | |:------|:--------|:-----| | **S1** | Norm-Korpus, versioniert, in Akoma Ntoso-XML | OASIS LegalDocML | | **S2** | typisierter Norm-Graph (`transposes`, `cites`, `concretizes`, …) | Coupette 2021 | | **S3** | Pflicht-Extraktion (deontische Modalitäten) | Mercatus QuantGov | | **S4** | Bewertung *pro Pflicht* (SKM + Nutzen + Frust) | NKR-Methodenleitfaden | | **S5** | Roll-up & Attribution entlang Graph-Pfaden | Shapley-Verfahren | | **S6** | Heatmap-Output + Reform-Vorschlag (pro Pflicht) | EU REFIT | Jede Schicht ist ein eigenständig prüfbarer Schritt. Eine Bewer­ tung in S4 ist ohne Graph-Kontext aus S2 nicht ausstellbar; eine Reform-Empfehlung aus S6 ist ohne Attribution aus S5 hohl (Beispiel: die Empfehlung „Streichung der deutschen Norm §X" ist nutzlos, wenn §X eine EU-Richtlinie umsetzt — der Hebel liegt in Brüssel). ### 3.1 S1 — Norm-Korpus - Format intern: **Akoma Ntoso 1.0** (OASIS-Standard, vom EU-Parlament seit 2016 genutzt). Heterogene Quellen (BMJ-XML, landesrecht-berlin HTML, EUR-Lex FORMEX) werden normalisiert. - Kanonische IDs: **ELI** (europäisch), **CELEX** (EU-Dokumente). - Versionierung: jede Fassung mit Inkrafttreten/Außerkrafttreten und SHA-256 der Quelldatei. Der Hash erlaubt, jede Bewertung rückwirkend gegen exakt die Bytes zu prüfen, die die Bewertung zugrunde lagen. ### 3.2 S2 — Norm-Graph Knoten sind Norm-Versionen (Gesetze, VO, Paragrafen, Artikel, Anhänge, EU-Richtlinien, Verwaltungsvorschriften). Kanten sind typisiert: | Kanten-Typ | Bedeutung | Beispiel | |:------|:--------|:-----| | `transposes` | DE-Recht setzt EU-Recht um | BDSG → DSGVO | | `implements_via_vo` | Verordnungs-Ermächtigung | §10 BImSchG → 4. BImSchV | | `concretizes` | VV konkretisiert Gesetz | AVV → BImSchG | | `amends` | Änderungsgesetz | „Gesetz zur Änderung des …" | | `cites` | Norm A verweist auf Norm B | „§ X i.V.m. § Y" | | `delegates_to_land` | Bund → Land | Bauthemen | | `delegates_to_kommune` | Land → Kommune | Berliner BezVG | | `superseded_by` | Alte → neue Fassung | Historie | Vorbild: Coupette / Beckedorf / Hartung / Bommarito / Katz (2021), *Measuring Law Over Time*. Das ist die einzige veröffentlichte Graph-Analyse, die das gesamte deutsche Bundesrecht über 20 Jahre abdeckt. ### 3.3 S3 — Pflicht-Extraktion Eine Pflicht ist ein Tupel: ``` duty = ( modality, // OBLIGATION | PROHIBITION | PERMISSION addressee, // wer? (KMU | Bürger | Behörde | Branche) trigger, // wann/woraus? (Bedingung) action, // was tun? frequency, // anlassbezogen | jährlich | monatlich | … authority, // gegenüber welcher Stelle? consequence, // Sanktion bei Nichterfüllung source_norm, // welche Norm-Stelle? derived_from[] // Graph-Pfad zur Ursprungs-Norm ) ``` Datenmodell folgt **LegalRuleML** (OASIS-Arbeitsgruppe), das auf **Hohfeldian Analysis** und deontischer Logik aufbaut (~100 Jahre juristisch-formaler Apparat für „wer schuldet wem was"). Extraktion ist **hybrid**: 1. **Regelbasiert** — reguläre Ausdrücke für deutsche Modalitäts- Muster (muss / hat zu / ist verpflichtet / darf nicht / ist untersagt / kann). Veröffentlichte Pattern-Listen aus Mercatus QuantGov / RegData. 2. **LLM-assistiert** für unklare Fälle. Jede LLM-extrahierte Pflicht trägt `confidence < 1.0` und wird in S4 zur juristischen Validierung vorgelegt. Freigabe-Schwelle: **Cohen's κ ≥ 0,7** zwischen zwei unabhängig arbeitenden Juristen-Annotatoren. ### 3.4 S4 — Bewertung pro Pflicht Pro Pflicht drei orthogonale Dimensionen: **Schaden (Bürokratiekosten):** ``` SKM-€/Jahr = P × F × T × h P = Fallzahl (Adressaten) F = Frequenz (pro Jahr) T = Tarif (€/Stunde) h = Zeitaufwand (Stunden pro Fall) ``` Standardkostenmodell — Methodik des Nationalen Normenkontrollrats, in DE / NL / EU / OECD / UK identisch angewandt. **Nutzen (7-dimensional, 0–5):** Schutz · Markt · Rechtssicherheit · EU-Binnenmarkt · Sicherheit · Umwelt · Einnahmen. Jede Dimension wird mit Quellen-Begründung vergeben, niemals „aus dem Bauch". Inter-Rater-Reliability messen, κ-Schwelle wie S3. **Frust (qualitatives Komposit, 0–10):** Flesch-DE (Amstad-Adaption) + Verweistiefe + Akteurs-Pluralität + Norm-Volatilität. **Nie als alleinige Bewertung**, immer neben SKM und Nutzen, immer als T-markiertes Signal. ### 3.5 S5 — Roll-up & Attribution Pflichten hängen in Ketten: EU-RL → Bundesgesetz → Bundesverord­ nung → Landesrecht → Vollzugs-AVV. Eine SKM-€-Zahl in der unters­ ten Stufe ist **nicht** allein dem dortigen Paragrafen anzulasten — die Ursache kann oben in der Kette sitzen. Wir verwenden eine **Shapley-artige Aufteilung** des Bewertungs- „Anteils" über alle Norm-Stellen im Pfad: die EU-Ursprungs-Richt­ linie bekommt einen Anteil, die nationale Umsetzung einen, die Verordnung einen, der konkrete Landes-Vollzug einen. Das verhindert sowohl Doppelzählung („dieselbe Pflicht wird auf EU- und Landesebene voll angelastet") als auch hohle Reform-Vor­ schläge („streiche §X" — wenn §X eine EU-Pflicht umsetzt, ändert die Streichung nichts). ### 3.6 S6 — Heatmap + Reform-Vorschlag Output zweidimensional, niemals ein Single-Score: - **X-Achse:** Schaden (€/Jahr, log-skaliert) - **Y-Achse:** Nutzen (0–5) - **Punktgröße:** Betroffenheit (Adressaten-Zahl) - **Farbe / Markierung:** Tier-Niveau der schwächsten Eingangs- Variable Reform-Vorschläge nicht pauschal „streichen", sondern typisiert: | Vorschlag-Typ | Wann sinnvoll | |:------|:--------| | **streichen** | Pflicht ohne EU-Bindung, niedrige Nutzen-Streuung | | **befristen mit Evaluationsklausel** | Sunset-Klausel statt Abschaffung | | **konsolidieren** | mehrere überlappende Pflichten zusammenführen | | **vereinfachen** | Pflicht bleibt, Vollzug wird gestrafft | ## 4 4-Tier-Evidenz-Modell Jede Zahl trägt die Stufe ihres **schwächsten** Bestandteils: | Tier | Bedeutung | Beispiele | |:------|:--------|:-----| | **T1** | amtlich / peer-reviewed | NKR-Datenbank, DESTATIS, ifo, ZEW, BMWK-Monitoring, SVR, IfM Bonn | | **T2** | Verbands-Erhebung | DIHK Bürokratie-Index, IHK Berlin, ZDH, BDI Mittelstand, BVMW, HDE | | **T3** | eigene strukturierte Erhebung | KMU-Befragung Phase 2/3 (DSGVO-anonymisiert) | | **T4** | qualitatives Signal | Petitionsausschuss, openPetition, mein.berlin.de, Foren — nur Pain-Indikator, nie Magnitude | **Regel der niedrigsten Stufe:** ist *eine* Komponente einer SKM-Zahl T4 (etwa eine grobe Schätzung von `h`), trägt die ganze Zahl T4. Das verhindert, dass methodisch schwache Inputs in einer Komposition als „belastbar" durchgehen. Politisch wesentlich: die Auswertung weist Tier am Punkt aus, nicht versteckt im Anhang. Eine T4-markierte Zahl darf in einer AG-Folie stehen, aber nur als „erstes Signal", nicht als Reform-Begründung. ## 5 LLMs als Mörtel, nicht Datenstein LLMs sind in dieser Methodik **nicht** Quelle für Zahlen. Sie sind ausschließlich für drei Aufgaben zugelassen: 1. **Extraktion** aus zitierbaren Quellen (Pflichten aus Norm-Text, Bezüge aus Stellungnahmen). Output muss die Norm-Stelle zitieren (RAG-Pflicht), sonst wird die Behauptung verworfen. 2. **Klassifikation** (z. B. Modalitäts-Vorschlag bei unklarem Pattern). Juristen-Approval obligatorisch. 3. **Synthese** (Vorschlags-Text-Entwürfe, Folien-Texte). Niemals ohne menschliche Letzt-Verantwortung. Technische Begleitregeln: Temperature ≤ 0,1, Modell-Digest im Audit-Log, gleicher Prompt-Hash → gleiches Modell → reproduzier­ bares Ergebnis. Halluzinations-Test-Suite vor jedem Modell-Update, pass-rate dokumentiert. ## 6 Methodische Selbstbeschränkungen Was wir nicht tun, ist genauso wichtig wie was wir tun: - **Keine pauschalen Verdikte** „Gesetz X ist schädlich" - **Kein Single-Score-Ranking** als alleinige Output-Form — immer zweidimensional + Streuung - **Keine LLM-Endbewertung ohne menschlichen Review** — der LLM schlägt vor, ein Volljurist + Ökonom validieren - **Keine ungestützten Schadens-Schätzungen** — jede €/h-Zahl entweder aus offizieller Quelle oder aus methodisch transparenter SKM-Rechnung, mit Unsicherheitsangabe - **Keine personenbezogene Datenanalyse** — Crowd-Belastungs- Meldungen ausschließlich pseudonym und DSGVO-anonymisiert ## 7 Methodische Vorbilder im Überblick | Quelle | Beitrag | |:------|:--------| | Coupette / Katz / Bommarito (2021) | Graph-Schema deutsches Bundesrecht | | Bommarito / Katz (2010) | Mathematik quantitativer Rechtsnetz-Analyse | | Mercatus QuantGov / RegData | NLP-basiertes Zählen regulatorischer Pflichten | | Nationaler Normenkontrollrat | SKM, Erfüllungsaufwand-Konzept, „One in, one out" | | EU REFIT + Regulatory Scrutiny Board | „Fitness Checks"-Methodik | | EU Better Regulation Guidelines + Toolbox | Cost-Benefit, MCDA | | UK Regulatory Policy Committee | Unabhängige Letzt-Validierung | | Niederlande ATR | SKM-Erfinder (1990er) | | Akoma Ntoso 1.0 (OASIS) | XML-Format für Gesetzestexte | | LegalRuleML (OASIS-AG) | RuleML mit deontischer Logik | | ELI / CELEX | Kanonische URIs | | Hohfeldian Analysis | Juristisch-formaler Apparat „wer schuldet wem was" | ## 8 Methodik-Versionierung Diese Methodik trägt eine Version (v0.1.0). Ändert sich die Methodik, müssen **alle Altbewertungen** mit „re-bewerten" markiert werden — die alten Zahlen behalten ihren historischen Wert, fließen aber nicht in den aktuellen Heatmap-Stand ein, bis sie nach neuer Methodik überprüft sind. Jede Methodik-Version benötigt: 1. Schriftliches Methodik-Papier (dieses Dokument). 2. Methodik-Beirats-Sitzung mit dokumentiertem Beschluss. 3. Rechtliche Kurz-Stellungnahme (EU AI Act, DSGVO, Urheberrecht §5 UrhG). 4. Open-Source-Veröffentlichung der Implementierung unter Apache 2.0. ## 9 Nächste Schritte (außerhalb dieser Methodik-Sache) - **Methodik-Beirat** akquirieren (5–7 Personen, gemischt: Wirtschaftsrecht, NKR-Background, IT-Recht, KMU-Vertreter, Verbraucherschutz, Wissenschaft). - **Korpus-Liste** „erste 5 Normen" beschließen. - **Rechtliche Stellungnahme** zu EU AI Act / DSGVO / §5 UrhG einholen. - **Verbandskooperation** (IHK Berlin, DIHK, ZDH) für die T3-Erhebungs-Pipeline anstoßen — politisch zeit­ intensiv, deshalb früher Start. --- **Kontakt:** Dr. Stefan Flemming, F∆I (Flemming.AI), chain@flemming.ai. Repository: `git.flemming.ai/fai/reclaim`. Lizenz: Apache-2.0.